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Autismus im Erwachsenenalter - Psychoanalytische Zugänge
Zusammenfassung
Welche psychotherapeutische Behandlung ist sinnvoll, wenn der Leidensdruck autistischer Erwachsener real ist, therapeutische Angebote jedoch häufig implizit auf Normalisierung zielen? Das Seminar beleuchtet Autismus im Erwachsenenalter aus psychoanalytischer Perspektive und stellt eine Haltung in den Mittelpunkt, die nicht soziale Anpassung, sondern „Support statt Cure“ zum Ausgangspunkt nimmt.
Autismus wird dabei nicht primär als Defizit oder bloße Störung verstanden, sondern als spezifische Weise, Körper, Welt und Andere zu erfahren. Im Fokus stehen Fragen danach, wie Wahrnehmung, sensorische Sensitivität, Kommunikation und Beziehungsgestaltung die Subjektivität prägen und welche therapeutischen Konsequenzen sich daraus ergeben. Zugleich wird thematisiert, warum biologische Erklärungsmodelle im Hier und Jetzt des Therapieraums oft nur begrenzt weiterhelfen und weshalb auch klassische psychoanalytische Zugänge an Grenzen stoßen können, wenn Sprache, Metaphorik und Symbolisierung anders organisiert sind.
Anhand klinischer Fallvignetten werden Chancen und Grenzen psychotherapeutischer Arbeit mit autistischen Erwachsenen diskutiert. Dabei geht es unter anderem um folgende Fragen: Wie kann Empathie eher als Übersetzungsleistung denn als Defizit verstanden werden? Welche stabilisierende Funktion kann eine Diagnose haben? Wie lässt sich mit ergänzenden Stützen arbeiten, statt sie vorschnell abzubauen? Und wie kann therapeutische Arbeit Leid transformieren, ohne zu einer Einübung normativer Anpassung zu werden?
Darüber hinaus reflektiert das Seminar kritisch, wie diagnostische, kulturelle und politische Sprachformen unser Verständnis von Autismus prägen. Es richtet sich an Therapeut:innen aller Verfahren und vermittelt praxisnahe Perspektiven für die Arbeit mit autistischen Erwachsenen.
Über den/die Referent:in
PP Michel Lahoud
Michel Lahoud (er/ihm) ist Psychoanalytiker und Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Freiburg. Er wurde im Libanon geboren und arbeitet heute mit einer transkulturellen und neurodivergenzsensiblen Haltung. Nach dem Psychologiestudium (u. a. IPU Berlin, Université de Strasbourg, Université Paris 8) absolvierte er seine psychotherapeutische Ausbildung am AWI des Universitätsklinikums Freiburg. Er arbeitet LGBTQIA+-affirmativ und bietet analytische Einzel- und Gruppentherapien sowie Begleitung und Indikationsstellungen für trans Personen an. Seine eigenen ADHS-Merkmale haben ihn dazu geführt, Brücken zwischen Psychoanalyse und Psychiatrie zu schlagen, um neurodivergente Erfahrungen genauer und gerechter zu verstehen.
Mehr unter: www.lahoud.de