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ADHS im Erwachsenenalter - Psychoanalytische Zugänge
Zusammenfassung
Welche psychotherapeutische Behandlung ist sinnvoll, wenn der Leidensdruck von Erwachsenen mit ADHS real ist, therapeutische Angebote jedoch häufig vor allem auf Selbstoptimierung, Anpassung und Funktionssteigerung zielen? Das Seminar beleuchtet ADHS im Erwachsenenalter aus psychoanalytischer Perspektive und stellt eine Haltung in den Mittelpunkt, die nicht bloße Leistungsanpassung, sondern das Verstehen und Transformieren von Leiden zum Ziel hat.
ADHS wird dabei nicht nur als Störung von Aufmerksamkeit, Impulskontrolle oder Exekutivfunktionen betrachtet, sondern als spezifische Weise, Zeit, Körper, Affekte, Beziehungen und Anforderungen zu erleben. Im Fokus stehen Fragen danach, wie innere Unruhe, Ablenkbarkeit, Aufschieben, Impulsivität, Scham, Selbstwertprobleme und wiederkehrende Beziehungskonflikte die Subjektivität prägen und welche therapeutischen Konsequenzen sich daraus ergeben. Zugleich wird thematisiert, warum neurobiologische Erklärungsmodelle im Hier und Jetzt des Therapieraums zwar wichtig, aber nicht hinreichend sind, und weshalb auch klassische psychoanalytische Settings an Grenzen stoßen können, wenn Kontinuität, Symbolisierung, Affektregulation und innere Organisation brüchig sind.
Anhand klinischer Fallvignetten werden Chancen und Grenzen psychotherapeutischer Arbeit mit Erwachsenen mit ADHS diskutiert. Dabei geht es unter anderem um folgende Fragen: Wie zeigen sich ADHS-spezifische Konflikte im therapeutischen Kontakt? Wie hängen Unaufmerksamkeit, Desorganisation oder impulsives Handeln mit Affektabwehr, Selbstwertregulation und Beziehungserfahrungen zusammen? Welche stabilisierende Funktion kann eine späte Diagnose haben? Wie lassen sich äußere und innere Stützen therapeutisch nutzen, statt sie vorschnell als bloße Kompensation abzuwerten? Und wie kann Behandlung so gestaltet werden, dass sie nicht zur Dressur von Funktionieren wird, sondern zu mehr innerer Kohärenz, Selbstverstehen und Handlungsfähigkeit beiträgt?
Darüber hinaus reflektiert das Seminar kritisch, wie diagnostische, kulturelle und gesellschaftliche Sprachformen unser Verständnis von ADHS prägen. Es richtet sich an Therapeut:innen aller Verfahren und vermittelt praxisnahe Perspektiven für die Arbeit mit Erwachsenen mit ADHS.
Über den/die Referent:in
PP Michel Lahoud
Michel Lahoud (er/ihm) ist Psychoanalytiker und Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Freiburg. Er wurde im Libanon geboren und arbeitet heute mit einer transkulturellen und neurodivergenzsensiblen Haltung. Nach dem Psychologiestudium (u. a. IPU Berlin, Université de Strasbourg, Université Paris 8) absolvierte er seine psychotherapeutische Ausbildung am AWI des Universitätsklinikums Freiburg. Er arbeitet LGBTQIA+-affirmativ und bietet analytische Einzel- und Gruppentherapien sowie Begleitung und Indikationsstellungen für trans Personen an. Seine eigenen ADHS-Merkmale haben ihn dazu geführt, Brücken zwischen Psychoanalyse und Psychiatrie zu schlagen, um neurodivergente Erfahrungen genauer und gerechter zu verstehen.
Mehr unter: www.lahoud.de