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Substanzgebrauchsstörung und Abhängigkeit: Diagnostik und Behandlung
Substanzkonsum begegnet Psychotherapeut:innen selten isoliert. Alkohol, Medikamente oder illegale Drogen sind häufig eingebettet in Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen oder chronische Belastungssituationen. Für Diagnostik und Behandlung ist daher ein präziser, nicht moralisierender Blick entscheidend.
Der klinisch sinnvollste Begriff ist Substanzgebrauchsstörung. Im Gegensatz zu umgangssprachlichen Bezeichnungen wie Sucht oder Missbrauch ist er klar definiert und weniger stigmatisierend. Gemeint ist ein pathologisches Verhaltensmuster, bei dem eine Substanz weiter konsumiert wird, obwohl bereits erhebliche negative Konsequenzen auftreten.
Neurobiologische Grundlagen von Sucht und Substanzkonsum
Substanzen mit Suchtpotenzial aktivieren direkt das Belohnungssystem des Gehirns. Kurzfristig entstehen Wohlbefinden oder Entlastung, langfristig jedoch Lernprozesse, die Craving, Toleranzentwicklung und Kontrollverlust begünstigen. Sucht ist daher keine Charakterschwäche, sondern eine nachweisbare neurobiologische Fehlsteuerung, beeinflusst durch psychische und soziale Faktoren.
Intoxikation, Entzug und substanzinduzierte psychische Störungen
Intoxikation bezeichnet ein reversibles substanzspezifisches Syndrom mit kognitiven, emotionalen oder Verhaltensveränderungen bis hin zur Überdosierung. Entzug umfasst körperliche und psychische Symptome nach Reduktion oder Absetzen einer Substanz und wird klinisch relevant, wenn deutliche Belastung oder Funktionsbeeinträchtigung vorliegt.
Wichtig für die Praxis: Entzugssymptome können auch nach kurzfristiger, medizinisch indizierter Einnahme auftreten, etwa bei Opioiden oder Sedativa, ohne dass automatisch eine Substanzgebrauchsstörung vorliegt.
Substanzinduzierte psychische Störungen können Depressionen, Angststörungen, Psychosen oder neurokognitive Beeinträchtigungen imitieren. Entscheidend ist die zeitliche Nähe zum Substanzkonsum oder -entzug sowie das Fehlen der Symptomatik vor Beginn des Konsums.
Ätiologie – Substanz, Person und Umfeld
Die Entwicklung einer Substanzgebrauchsstörung ist biopsychosozial bedingt.
Relevant sind:
- Eigenschaften der Substanz (Wirkungseintritt, Applikationsweg, Verfügbarkeit)
- individuelle Faktoren wie Impulsivität, psychische Komorbiditäten oder chronische Schmerzen
- soziale Einflüsse wie familiärer Konsum, Peer-Gruppen und kulturelle Normen
Das Konzept einer festen „Suchtpersönlichkeit gilt heute als wissenschaftlich nicht haltbar.
Diagnostik nach DSM-5-TR und ICD
Nach DSM-5-TR wird eine Substanzgebrauchsstörung diagnostiziert, wenn innerhalb von zwölf Monaten mindestens zwei Kriterien erfüllt sind, unter anderem Kontrollverlust, Craving, soziale Beeinträchtigung, riskanter Konsum sowie Toleranz oder Entzug. Der Schweregrad reicht von mild bis schwer. Die ICD-10 spricht vom Abhängigkeitssyndrom bei mindestens drei erfüllten Kriterien. Die ICD-11 ist international in Kraft, wird in Deutschland jedoch schrittweise eingeführt.
Eine Behandlung ist mehrphasig und multimodal
Die Behandlung von Substanzgebrauchsstörungen erfordert meist mehrere Phasen:
- Entgiftung und Entzugskontrolle
- Konsumbeendigung oder -reduktion
- Rückfallprophylaxe und Stabilisierung
- Behandlung komorbider psychischer Störungen
Evidenzbasierte Ansätze sind unter anderem Motivierende Gesprächsführung, kognitive Verhaltenstherapie, gruppentherapeutische Angebote, medikamentöse Verfahren sowie ergänzende Maßnahmen wie Sport- und Bewegungstherapie.
Ihr Team von Udana
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